Quelle: queereka.com

Wir leben in einer Welt, die immer mehr von Technik dominiert wird. Rund um die Uhr tragen wir elektronische Geräte auf uns und jede Sekunde verschicken wir übers Internet mehr Daten als der Inhalt aller Bücher, die je von Menschen geschrieben wurden. Trotzdem stagnieren die Kenntnisse über Technik und Technologie in der Bevölkerung.

 

Es wäre falsch zu behaupten, wir würden uns nicht für Technik interessieren. Denn Technik interessiert uns, einzig, wir wollen sie nicht verstehen.

Ich bewege mich meist in Kreisen mit universitären Abschlüssen, genauso wie ein Schreiner verhältnismässig oft von anderen Schreinern umgeben ist. Und in diesen Kreisen wird eine gewisse Sprache erwartet. So etwas wie "Hey Alda, hesch Zigi" wird also Verrohung der deutschen Sprache gesehen und oftmals mit dem Untergang des Abendlandes oder zumindest unserer Kultur gleichgesetzt.

Auch die Rechtschreibung besitzt einen sehr hohen Stellenwert. Einwände meinerseits, dass gerade an höheren Schulen etwas mehr Gewicht auf Inhalt des Geschriebenen gelegt werden könnte, anstatt selbst in Aufsätzen die Rechtschreibung zu 50% und mehr zu gewichten, werden abgeschmettert. "Wenn Du Dich um eine Stelle bewirbst, hast Du ohne einwandfreie Rechtschreibung keine Chance", heisst es dann zum Beispiel.

Und da sind wir bei einem der Problem angelangt: wieso sollte jemand keine Chance haben, auf einen Job als Schreiner, Koch oder Ingenieur, wenn er nicht makelloses Deutsch in Schrift sein eigen nennt. Ich verstehe es, wenn er sich als Journalist oder Sekretär (sorry, Personal Assistant) bewirbt.

Das Problem ist, dass der zuständige Mensch in der HR nur deutsch spricht (und vielleicht englisch, französisch, italienisch, …). In Technik und Naturwissenschaften ist aber nicht deutsch (oder englisch) die Sprache der Wahl, sondern Mathematik. In den letzten Jahrhunderten hat sich in diesen Gebieten die Überlegenheit der Mathematik gegenüber anderen Sprachenmehr als deutlich gezeigt. Die Gesellschaft weigert sich jedoch diese Sprache anzuerkennen. Weiter noch: es ist schick, diese Sprache nicht zu sprechen. Dies betrifft bei weitem nicht nur die "ungebildeten", auch für die meisten Menschen mit Matur ist "Mathematik hab ich nicht verstanden" nicht etwa ein Grund zur Scham, sondern wird meist mit erhobener Kopf verkündet und löst bei den Mitmenschen Applaus aus.

Selbst die ehemalige Rektorin eines Gymnasiums durfte in der NZZ am Sonntag vom 15.2.2015 unkommentiert sagen:

"Der Mathematikunterricht an den Gymnasien ist nicht auf die Durchschnittsschüler ausgerichtet, sondern auf diejenigen, die Mathe studieren möchten. Da haben alle anderen gute Gründe, sich innerlich zu verabschieden."

Man stelle sich diesen Satz nun mal vor, Mathematik ersetzt durch Deutsch oder Englisch. Die Abwertung der Mathematik findet nur schon auf semantischer Stufe statt. Das Fach wird nicht ausgeschrieben, sondern man verwendet seine umgangssprachliche Kurzform. Niemand würde sich in dieser Zeitung getrauen, Latein als „Latsch“ zu bezeichnen, obwohl dies umgangssprachlich vermutlich genauso geläufig ist.

Und genau diese Akklamation des mathematischen Analphabetismus führt dazu, dass niemand, dem seine soziale Stellung etwas wert ist, die Mühe auf sich nimmt, die Sprache Mathematik zu lernen. Und diese Sprache ist es, welche durch ihren Gebrauch in Wissenschaft und Technik unser Leben mehr und mehr prägt. Die Analphabeten sind zwar aus dieser Welt nicht ausgeschlossen, aber sie sind ihr ausgeliefert.

Darum: jedes Mal, wenn mir jemand sagt "Mathematik ist mir zu schwierig (darum versuche ich es gar nicht erst)", hört sich in meinen Ohren deshalb nicht anders an als "Ey man, dini mutta". In mir kommt dann jeweils das Gefühl von Bedauern mit dieser Person auf, gemischt mit einem Ekel vor dieser Gesellschaft, welche Analphabetismus romantisiert.

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